Bischof Fritz-René Müller
(Quelle: Bischofshaus Bern)

Beziehungen

In seinem ersten Hirtenbrief stellt Bischof Fritz-René Müller das Thema „Beziehung“ in den Fokus. Die Welt wird, weil Gott sich mit allem in Beziehung setzt, was er erschafft. Daraus folgt Bischof Fritz-René Müller: „Am Anfang ist Beziehung.“ Im Gespräch mit den Jugendlichen hat er wahrgenommen, dass Begegnungen im kirchlichen Rahmen geschätzt werden. Die Jugendlichen sind an tragenden Beziehung interessiert und sind bereit dafür auch Verantwortung zu übernehmen. Eine verstärkte Zusammenarbeit innerhalb der Gemeinden, der Regionen und zum Bistum ermöglicht nach Bischof Fritz-René Müller ein starkes und tragendes Beziehungsnetz. Denn wo mehr Menschen miteinander im Gespräch sind, entwickeln sich Ideen und eröffnen sich Weg, die über das organisatorische Kirche-sein hinauswachsen.

Bischof Fritz-René Müller

Person
Fritz-René Müller

Amt
Bischof von 2002 bis 2009

Siegelwort
«Sein Leben war das eines Menschen.» Phil 2,7

Lebensdaten
* 11.02.1939 in Rheinfelden

Hirtenbrief zum Fest Christi Himmelfahrt 2003

Zum ersten Mal wende ich mich mit einem Hirtenbrief an die Glieder unserer Kirche. Zur Vorbereitung auf meine Arbeit habe ich mich im Dezember mit Jugendlichen unserer Kirche getroffen, um zu hören, was sie vom Thema „Beziehungen“ halten, denn ich möchte meine Hirtenbriefe in Kontakt mit einzelnen Gruppen unserer Kirche verfassen.

Die Jugendlichen haben für das Thema „Beziehungen“ und für das Gespräch zwischen ihnen und mir ein beeindruckendes Interesse gezeigt und fühlten sich ernst genommen. Ich möchte ihnen und der Moderatorin des Gesprächs für das Engagement ganz herzlich danken.

Christi Himmelfahrt

Ich weiche auch ab vom bisher üblichen Termin, wonach der Hirtenbrief inder Fastenzeit im Hinblick auf Ostern erschienen ist. Mein Hirtenschreiben verfasse ich jeweils auf das Fest „Christi Himmelfahrt“, den Tag, an dem ich die Weihe zum Bischof empfangen durfte.

Das hat seinen guten Grund: die Schilderung der Himmelfahrt Jesu nach der Apostelgeschichte (1,9-11) beeindruckt mich. Die Worte der zwei Männer in weissen Gewändern „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ erscheinen mir als eine Frage, die sich gerade auch für uns Glieder einer Kirche immer wieder stellt. Jesus Christus ist in den Himmel aufgenommen worden und hat sich dadurch unserem Blick entzogen. Wir Menschen bleiben als Gemeinschaft der Kirche auf dieser Erde zurück. Sollen wir nun auch da stehen und zum Himmel empor schauen? Oder sollen wir uns fragen: „Was machen wir jetzt? Wo und wie können wir die Gegenwart Jesu Christi trotzdem spüren?“ Ich glaube, dass Christus, dass Gott und der Heilige Geist unter uns wirklich gegenwärtig ist und wir seine Gegenwart durch die vielfältigen Beziehungen erleben können, die wir zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen haben, aber auch durch die Beziehungen zum Leben ganz allgemein, zur Kirche und zur Schöpfung.

Was verstehen wir unter dem Begriff „Beziehungen“?

Wir wollen uns in diesem Hirtenbrief beschränken auf Beziehungen, die glücklich machen, die einen Zustand von erfüllt und geborgen sein hervorrufen. Eine solche Beziehung beginnt mit dem, was das kleine Kind nach seiner Geburt erlebt, vorausgesetzt, die Beziehung der Eltern zu ihm stimmt. Das Kind bringt das Bedürfnis nach Beziehungen, Geborgenheit und Glück sowie die Fähigkeit, sich glücklich und geborgen zu fühlen, als Grundausstattung mit und erwartet daher zu Recht, dass beides in seinem Leben Realität wird. Diese Grundausstattung hat eine fundamentale theologische Basis: Im biblischen Schöpfungsbericht (Gen 1,1-2,24) wird uns bildhaft geschildert, wie Gott sich mit all dem, was er schafft, in Beziehung setzt und erst dadurch die Welt entsteht. So kann man sagen: „Am Anfang ist Beziehung.“

Beziehung zu Gott, zu sich selbst, zu unseren Mitmenschen

und zur Kirche

Beziehungen, die glücklich machen und Geborgenheit geben, können nur durch die göttliche Gabe und das Gebot der Liebe aufgebaut werden. Einen Gesetzeslehrer, der Jesus nach dem wichtigsten Gebot fragte, antwortete Jesus (Matth 22,37-39): „Du wirst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du wirst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Gott baut seine Beziehungen zu den Menschen auf unterschiedliche Weise auf; unumgänglich aber ist die Liebe zum Nächsten. Christliche Liebe ist nicht ein innerer Prozess der Vergeistigung, sondern muss sich in Taten bewähren. An der Liebe zum Nächsten wird die Liebe zu Gott konkretisiert.

„Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet.“ – „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder, den er sieht, nicht liebt, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“ (1 Joh 4,12 und 20)

Die Nächstenliebe wird so zum Gleichnis unserer Liebe zu Gott und umgekehrt. Wie die Gebote im Alten Testament, so fordert Jesus in ein und demselben Satz, Gott von ganzem Herzen, mit dem ganzen Verstand und mit allen Kräften zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Der christliche Mystiker, Meister Eckhart (1260-1328), hat darauf hingewiesen, dass damit die Selbstliebe nicht nur der Nächstenliebe gleichgestellt wird, sondern dass die Gottesliebe in der Selbstliebe und der Nächstenliebe in gleicher Weise enthalten ist als deren Grund, Ursache und Mass. Gott ist im anderen Menschen kein anderer als in mir selbst. So empfängt jeder Mensch die göttlichen Gaben in sich oder/und im andern. Was er nicht in sich empfängt, freut ihn, da er es im andern empfängt, den er liebt wie sich selbst.

Eine jugendliche Teilnehmerin unserer Vorbereitungsrunde hat die Beziehungen zu Gott und zu den Mitmenschen mit folgenden Worten ausgedrückt: „Wenn ich keine positive Beziehung zu mir selber habe, kann ich auch keine solche zu Gott und zu anderen Menschen haben.“ Die meisten Jugendlichen sind davon überzeugt, dass die Fähigkeit, Beziehungen zu lernen und zu erproben, durch die Eltern, Geschwister und Kameraden geschaffen wird. Dabei spielen auch aufkommende Konflikte und deren Bewältigung eine entscheidende Rolle. „Ohne Auseinandersetzung können keine Beziehungen wachsen.“ Auch der Kirche, mit ihren Ritualen und der religiösen Erziehung durch Eltern, Geistliche, Katechetinnen und Katecheten, wird ein grosser Einfluss beim Entwickeln von Beziehungsfähigkeiten beigemessen. Ein wichtiges Element für gefühlvolle Beziehungen sehen die Jugendlichen in stimmungsvollen Gottesdiensten, geschmückten Kirchen, zeitgemässen und emotional ansprechendem Religionsunterricht – und nicht zuletzt in einem offenen und zugänglichen „Bodenpersonal Gottes“!

Gerade in der heutigen Zeit, da durch E-Mails und „chatten“ schnelle und kurzlebige Beziehungen gesucht werden, die in Wirklichkeit gar keine echten sind, betrachten es junge Glieder unserer Kirche als notwendig, dass die Kirche hier entschieden Gegensteuer gibt und auf verlässliche Beziehungen setzt. Sie sehen in den Verhältnissen unserer kleinen Kirche sogar eine besondere Chance, dass gute, respektvolle Beziehungen zwischen den Generationen aufgebaut und gelebt werden können. Die Jugendlichen sind daher auch bereit, ihren Beitrag zu echten Beziehungen dadurch zu leisten, dass sie sich eigentlich am Leben der Kirche beteiligen wollen und zum Beispiel hie und da die Synode mit neuen Anregungen überraschen. Vom Bischof erwarten sie, dass er weiterhin für sie da ist, auf sie eingeht und sie wahrnimmt, was der Bischof aber in gleicher Weise auch von allen Gliedern der Kirche erwartet. Dieses gegenseitige Interesse füreinander, findet seinen Ausdruck in den Gedächtnissen der Eucharistiefeier.

Regionalisierung – ein Terrain für Beziehungen

Ob der Begriff „Regionalisierung“ ein gelungener Ausdruck dafür ist, was wir in unserer Kirche begonnen haben und weiterführen müssen, bleibe dahingestellt. Eigentlich wollen wir damit nichts anderes fördern als die Beziehungen, welche die einzelnen Gemeinden untereinander und zum ganzen Bistum pflegen sollen.

Wenn Beziehungen dem Schöpfungsplan Gottes entsprechen, wenn sie Ausdruck der Liebe zum Nächsten sind, ja, wenn solche Beziehungen der Nächstenliebe sich in Taten bewähren sollen, dann bedeutet das, dass wir die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden den einzelnen Regionen und des Bistums ganz ernst nehmen. Wohl entspringt die Idee der Regionalisierung einer Notwendigkeit, wegen nachlassender Finanzkraft der Gemeinden und personeller Engpässe nach neuen Lösungen zu suchen. Das ist aber nur die eine, organisatorische Seite. Auch wenn wir Geld und Person uneingeschränkt zur Verfügung hätten, wäre eine verstärkte Zusammenarbeit von der Sache her richtig. Denn wir sind nicht einfach ein Bistum mit über dreissig selbständigen Gemeinden, sondern wir sind in erster Linie eine Kirche. Wir gehören alle zusammen, und es kann uns nicht nur das interessieren, was in unserer eigenen Gemeinde geschieht und zu tun ist, sondern wir sind immer auch mit dem verknüpft, was unsere Nächsten in den andern Gemeinden bewegt. Das ist ein Ausdruck von Liebe zueinander und die Basis für aufbauende Beziehungen. Die Folgen und Taten, die sich aus solchen Beziehungen entwickeln, sollen unsere Gemeinden und uns als Glieder der Kirche stärken, damit wir uns nicht überfordert fühlen und resigniert zurückfallen.

Es gibt viele Möglichkeiten, stärkende Beziehungen zu pflegen. Warum sollen nicht vermehrt regionale Gottesdienste gefeiert werden, die von den Gliedern der beteiligten Gemeinden besucht werden? Warum nicht vermehrt regionaler Religionsunterricht, regionale Spitalseelsorge? Warum können die Vereine (Frauenvereine, Kirchenchöre) sich nicht zur gemeinsamen Arbeit zusammenschliessen? Die Jugendgruppen tun dies zum Teil schon! Und wie is es mit den Räten und den Pfarrämtern der einzelnen Gemeinden? Wenn sie noch mehr zusammen beraten und Anlässe durchführen würden – wie anders sähe alles aus! Denn wo mehr Menschen miteinander Beziehungen und Gespräche pflegen, da entwickeln sich für den gemeinsamen Weg auch mehr Ideen. Das sind alles Anliegen, die auch die Begleitgruppe „Erneuerung“ fördert. So könnten wir über das rein organisatorische Kirche-Sein hinauswachsen und zum eigentlichen Ziel unseres Kirche-Seins gelangen, nämlich zu einem spirituellen Sein in der und für die Kirche!

Gott ist der Ursprung aller Beziehungen

„Gott setzt sich mit allem, was er in der Schöpfung geschaffen hat, in Beziehung. Erst dadurch entsteht die Welt.“ So haben wir es am Anfang des Hirtenbriefes formuliert. Die Konsequenzen daraus sind für uns eine Herausforderung, in unsrem Leben Beziehungen aufzubauen, sie kritisch zu betrachten und immer wieder neu zu pflegen. Dabei stehen gute Beziehungen zwischen den Eltern und ihren Kindern an erster Stelle. Eltern können sich um ihre Erziehungsaufgabe, die gute Beziehungen schafft, nicht drücken. Zur Erziehung gehört auch, dass die Kinder mit der Welt des Religiösen und der Kirche vertraut gemacht werden, denn Gott schafft jene Beziehungen, die unser Leben sinnvoll machen. Wenn wir keine Beziehung zu Gott haben, können wir unsere Kirche und unsere einzelnen Gemeinden immer nur als „Organisation“, nicht aber als Ort spirituellen Lebens erfahren. Daher gehört es zur eigentlichen Aufgabe unserer Geistlichen, die Gemeinden nicht in erster Linie von der Lehre der Kirche und der Moral zu überzeugen, sondern in allen Begegnungen, in Tauf-, Trauungs- und Trauergesprächen, in jedem Gottesdienst mit den Menschen in Beziehung zu sein.

In der echten, mitmenschlichen Beziehung kann Gott unsere Herzen öffnen und wandeln. Solche mitmenschlichen Beziehungen verlangen Offenheit und Respekt vor dem andern, Freiheit von Vorurteilen, Bereitschaft, sich auf den anderen Menschen einzulassen. Beziehung, wie Gott sie schafft, zeigt dem anderen Menschen, dass er im Augenblick der einzig wichtig auf der Erde ist. Wenn wir das möglichst oft und möglichst alle tun, erneuern sich unsere Gemeinden, erneuert sich unsere Kirche. Wir trauen Gott zu, dass er in unseren Gemeinden, in unserer Kirche wohnen und wirken will.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Bern, in der Osterzeit 2003.

Bischof Fritz-René Müller